Im Februar und März 2026 bringt die Literarische Gesellschaft Baselland mit der szenischen Lesung «Hyazinth – Die letzte Hinrichtung im Kanton Basel-Landschaft» ein eindringliches Stück regionaler Zeitgeschichte auf die Bühne. Im Zentrum steht ein realer Kriminalfall.
Die Vorlage ist ein Drama des Baselbieter Historikers und Vorstandsmitgliedes der Literarischen Gesellschaft Baselland Lorenz Degen. Erzählt wird die Geschichte des Büchsenmachers Hyazinth Bayer aus Friedrichshafen am Bodensee, der im Jahr 1851 in Liestal hingerichtet wurde.
Bayer hatte den Bandweber Heinrich Wiesner aus Bubendorf auf dem Heimweg oberhalb von Maisprach ausgeraubt und so schwer misshandelt, dass Wiesner wenige Stunden später verstarb. Nach dem Prozess wurde Bayer auf einer Wiese beim heutigen Gestadeckplatz, unterhalb der Altstadt von Liestal, enthauptet – am 15. Oktober 1851.
Mehr als ein Kriminalfall: Schuld, Not und Menschenbild
«Hyazinth» beleuchtet nicht nur die Tat, sondern auch die Spannungen, die sie umgeben: Armut, Abhängigkeiten, Moral und das damalige Denken über Schuld und Sühne. Damit stellt das Stück Fragen, die über den historischen Rahmen hinausreichen – etwa nach sozialer Ungerechtigkeit, nach der Würde des Menschen und nach dem, was eine Gesellschaft für «gerecht» hält.
Ein wichtiger Strang ist die Beziehung zu Dorothea Richard, einer Fabrikarbeiterin im Niederschöntal. In den Quellen erscheint sie als Auslöserin von Bayers Geldmangel – als Geliebte, die mehr verlangte, als er aufbringen konnte. Sie stammte aus Wynau im Bernbiet; was nach Bayers Tod aus ihr wurde, ist historisch nicht geklärt.
Quellen, Originalzitate – und eine offene Leerstelle
Der Autor stützt sich auf zwei zeitgenössische Liestaler Drucke aus dem Jahr 1851 (Lebensgeschichte / Lebensabriss und Bekenntnis). Nach Möglichkeit wurden Originalzitate aus Berichten übernommen und im Text entsprechend gekennzeichnet. Einzelne Figuren – etwa Bärbel, die Freundin von Bayers Mutter – sind hingegen bewusst frei erfunden, um das Beziehungsgeflecht erzählerisch zu verdichten.
Die Quellen liefern zudem verstörende Details zur damaligen Volksfrömmigkeit und zum Aberglauben: So wird geschildert, dass Menschen nach der Hinrichtung versuchten, Blut zu berühren oder an Hautstücke zu gelangen – im Glauben, dies helfe gegen Epilepsie. Auch zwei Spendensammlungen sind erwähnt: eine für Dorothea Richard und eine für die Familie des Ermordeten. Bemerkenswert: Für Dorothea soll mehr als dreimal so viel zusammengekommen sein wie für die Hinterbliebenen.
Historisch ambivalent bleibt eine auffällige, in den Berichten beschriebene Hinwendung Bayers zum Christentum nach der Urteilsverkündung. Ob echte Bekehrung, psychische Notreaktion oder die Sicht des Berichterstatters (ein Pfarrer), bleibt offen – das Stück hält diese Spannung aus, statt sie glatt aufzulösen.
Die grösste Unklarheit aber ist ein Brief, den Dorothea Richard an Bayer schrieb, als dieser im Toggenburg arbeitete. Der Brief löste Bayers überstürzte Rückkehr aus und führte zur schicksalhaften Begegnung mit Heinrich Wiesner. Was im Brief stand, wird nirgends gesagt. Schwangerschaft? Krankheit? Drohender Ruin? Genau diese Leerstelle wird im Stück zur dramaturgischen Sollbruchstelle – und zum Motor der Tragödie.
Bühnenform: nah, konzentriert, ohne Effekthascherei
Die Produktion vereint neun Mitwirkende. Als Erzähler führt Josef Viktor Widmann durch das Geschehen und spannt den Bogen zwischen historischen Fakten und literarischer Verdichtung. Wort, Stimme und leise Musik prägen den Abend – bewusst nah am Publikum, ohne vordergründige Effekte.
Für die musikalische Untermalung sorgt Willy Kenz am Keyboard: atmosphärisch, feinfühlig, nie dekorativ.
Aufführungen (Terminübersicht)
- Fr, 6. Februar 2026, 19.30 Uhr – Restaurant Kaserne, Liestal
- Sa, 7. Februar 2026, 17.00 Uhr – Restaurant Leue, Waldenburg
- So, 8. Februar 2026, 17.30 Uhr – Kulturraum Trotte, Arlesheim
- Fr, 6. März 2026, 19.30 Uhr – Gemeindezentrum, Maisprach
Eintritt frei / Kollekte (Platzanzahl beschränkt)